November 2017
Novembergedanken

Ein anderer Vorweihnachtsbrief, 1. Teil

Die Gedenktage im November erinnern an sonst verdrängte Themen, wie Tod, Sterben, Trauer und Leid, … Diese Fragen sind so alt wie die Menschheit selber, aber sie lassen uns nicht los.
Schon die vorchristliche Philosophie beschäftigte sich damit und beklagte die „Kürze des Lebens“. „Vita brevis“, wie die Römer sagen. Epikur (341-271 v. Chr.) beschwichtigte: „Solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn er da ist, existieren wir nicht mehr“.
Für Odo Marquard, den skeptischen Philosophen, für ihn ist unser Leben befristet. Ja der Tod kommt immer zu früh, noch bevor wir unsere Lebensziele, auch in einem gesegneten Alter, nur annähernd erreicht haben. Das Ablaufdatum rückt unaufhörlich näher. Unser Leben ist befristet. Der Fortschritt in der Gerontologie und Medizin verlängert zwar unsere Lebenszeit, aber verlängert auch unser Sterben. Überfordert ist längst die soziale und finanzielle Belastbarkeit unserer Krankenkassen, wie auch unsere individuellen psychischen und geistigen Ressourcen. Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten sollen wohl die Selbstverfügungsmacht über das eigene Sterben und den Tod hinaus regeln. Palliativmedizin und Sterbehospize begleiten diesen Weg. Aber unüberwindliche juristische und humanistische Probleme werfen die Frage nach der Legitimität von „aktiver“ oder „passiver“ Sterbehilfe, vielleicht als Beihilfe zum Suizid, auf. Die Diskussion darüber muss zu jeder Zeit vom gesellschaftlichen Bewusstseinsstand und der individuellen Betroffenheit ausgehend geführt werden. Grundlage ist und bleibt die Unantastbarkeit der menschlichen Würde, garantiert durch das Grundgesetz.
Im Tod verlässt nicht die Seele den Leib, sondern der Leib lässt gleichsam die Seele zurück. Oder aber öffnet sich eine höherführende, transzendental verbindende, alles und alle umfassende
Dimension, eine neue Wirklichkeit? Ein Gefühl der Geborgenheit ohne Angst und Panik vor dem Ende des individuellen und kollektiven Daseins bleibt aus, auch dann, wenn dieses hineinreicht in das unendliche Sein selbst, und auch dann nicht, wenn dieser Prozess einmal schon durchgemacht ist, wie Nahtodberichte glaubwürdig bezeugen wollen. Die gesamtmenschliche Persönlichkeit reicht mit ihrer auch historischen Wirksamkeit über die biochemische Präsenz hinaus.
Das eigene Leben kann man beenden (fremdes Leben auch). Aber die eigene Nichtexistenz kann man nicht mehr denken, sondern nur Kräften überlassen, über die wir keine Verfügungsmacht haben, die aber auch künftig noch wirksam bleiben. Ja, wir glauben mehr als wir zu wissen meinen.
Kann man denn sterben lernen? Vom Tod her nicht. Man kann ihn nicht wiederholen. Lernen braucht Wiederholung. Man stirbt nur einmal (außer James Bond).
Für Sokrates hieß philosophieren: Sterben lernen. Der Tod dokumentiert die unausweichliche Niederlage des Lebens im Sterbeprozess, oft verdrängt, öffentlich tabuisiert oder banalisiert. Die Leiche wird medizintechnisch instrumentalisiert und als Organspendelager juristisch dank Spenderausweis, oft auch fast sakral abgesegnet, oder einfach kompostiert.
Echter Kunst des Sterbens aber geht es um geglücktes „Leben bis zuletzt“, um den Sinn des Lebens und Sterbens selber. Auch für den, der das Leben für einen absurden Traum hält, für einen Albtraum oder eine Täuschung durch einen bösen Dämon, ist Leben eine Wirklichkeit, die wir trotzdem der Nichtexistenz vorziehen, gleichsam für uns als unmögliche Möglichkeit oder als mögliche Unmöglichkeit. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, und dieses Wissen ist ihm die Gewissheit, auf die er sich verlassen kann, eine nicht unmögliche Möglichkeit. Der Wille zum Sein ist stärker als der Wille zum Nichtsein, auch trotz unglücklichem und misslungenem Leben – eben weil das Leben alle Sterblichen untereinander solidarisiert. Im Tod ist man nicht allein, einsam vielleicht, aber immer selbst betroffen.
Diese Solidarität gilt auch den namenlosen Toten auf den Friedhöfen und Schlachtfeldern, den Hinterlassenschaften der Mächtigen und Zynischen der Menschheitsgeschichte. Der Tod hat kein Mitleid mit Geborenen und Ungeborenen, Schuldigen oder Unschuldigen. Echte Solidarität aber führt zur Verantwortung derer, die das Leben lieben. Und für die, die sie lieben, erst recht. Wer liebt, will den Tod des/der Geliebten nicht, sondern, dass er/sie lebt, und gut lebt, wie Gabriel Marcel, der französische Existenzphilosoph sagt. Martin Heidegger versteht dieses mitmenschliche Existenzial als „Sorge“. In der Sprache des christlichen Glaubens schließt diese die Nächstenliebe, ja sogar die Feindesliebe, mit ein, als Mehrwert des Evangeliums. Da kommen die Schnittmengen auch von Zeit und Ewigkeit zur Deckung. In dieser Liebe rührt Endlichkeit an das Unendliche. Diese „Sorge“ befreit von der „Angst“ vor dem „Nichts“.
„Nur ein Gott kann uns retten“, sagte Heidegger bei seinem berühmten Spiegel-Gespräch mit Rudolf Augstein. „Mitten wir im Leben mit dem Tod umfangen sind“, sagt und singt Luther. Schon die oft beschworene „Midlifecrises“ hat letztlich, auch wenn sie sich erst spät einstellt, gepaart mit
der Angst, etwas im Leben versäumt zu haben, hat mit einer Sinnkrise zu tun, der kaum jemand entgeht. Viele Wünsche bleiben unerfüllt und gute Gelegenheiten verpasst, um sein Leben zu ändern. Oder gibt es noch Möglichkeiten, bei Dem und für Den alles möglich ist? Gibt es einen Anschluss an das Leben danach? Bietet diese Hoffnung eine Horizonterweiterung über den Tod hinaus, nicht beschränkt auf ein ödes „Carpe diem“, auf diesen Tag der zu kurzen Lebensfrist.
„Tod, wo ist dein Stachel … wo ist dein Sieg“, jubelt dagegen Paulus (1 Kor 15,55). Wovor sollen wir Angst haben, wenn Rettung in Aussicht steht. „Christ, der Retter ist da“, singen wir am Heiligen Abend. Rettung heißt in biblischer Sprache: Erlösung. Wer sich nach Erlösung sehnt, kann sich mit der Sinnlosigkeit und Absurdität einer heillosen Welt nicht abfinden. Da kann ihm die Welt, so wie sie ist, nicht als die beste und endgültige aller möglichen Welten, erscheinen, wie Leibniz irrtümlicherweise meinte, weil ja alle Möglichkeiten im Endlichen noch längst nicht ausgeschöpft sind. Sie sind es erst, wenn Schöpfung und Erlösung zusammenfallen, gleichsam in einer „conincidentia oppositorum“, wo sich alle Gegensätze aufheben, wie der große Nicolaus Cusanus zu Beginn der Neuzeit schon philosophisch auf ein universales Happy End hin dachte.
Wenn mit dem Tod alles aus wäre, bliebe ja auch alles Fragen nach einem letzten Sinn sinnlos und alle Sehnsucht bliebe unerfüllt. Diese Sehnsucht ist mehr Herzenssache als Kopfgeburt. Auch ein Stephan Hawkins brütet noch immer über dieser „Weltformel“, und kommt rational an kein Ende. Aber genau dieses Verlangen nach Sinn überwindet alle Absurdität und öffnet eine neue Dimension, ein endgültiges erfülltes ewiges „Jetzt“. Karl Rahner nennt es das „All-Kosmische“ und Teilhard de Chardin, der lange totgeschwiegene Jesuit und Paläontologe hat das statische Welt- und Gottesbild evolutiv dynamisiert und auf den Punkt Omega gebracht. In der Auferstehung des vollendeten Personseins Jesu Christi, wird am Ende alles gut.
Wer nicht über seinen regionalen geistigen Horizont hinauskommt, bleibt „Ovist“, spottet Odo Marquard. Urknall oder Schöpfung, die einen überpersonalen Schöpfer voraussetzt. In diesem Sinn ist der Hoffende gleichsam „Galinist“. Wer zuerst: Henne oder Ei? Insofern ist der Gläubige seriöser und scheitert nicht an seiner egobegrenzten Rationalität. Und gibt dem „Sein-Sollen“ auf den Weg zum Guten eine Chance, dessen Erfüllung freilich noch aussteht und dessen Überfülle alles Vergangene und das in aller Zukunft gewesen sein Werdende, wie Robert Spämann im „Das unsterbliche Gerücht“ zu formulieren versucht.
Kann denn Gott einen so schweren Stein erschaffen, den er (wie Sisyphos) nicht mehr heben könnte? Würde er das nämlich tun, er würde sich selbst ad absurdum führen.
An Gott glauben heißt: An den glauben, der dann immer noch Möglichkeiten hat, wo für uns nichts mehr geht. Dort kommt er selber ins Spiel (Weihnachten) und spielt unser Lebensspiel mit, bis zu einem guten erfüllten Ende. Dort gibt es keine Verlierer mehr. Sünder und Heilige sind vereint, Opfer und Täter versöhnt, dort herrscht Gerechtigkeit für alle. Die Opfer vergeben, weil die Täter schamgebeugt erkennen müssen und bereuen, dass sie schuldig vor diesem geworden sind. Dieser
Scham entgeht der Unrechttäter nicht. Der wissenschaftsgesteuerte und wirtschaftlich benifizierte Fortschrittsdogmatiker bedarf keiner immer weiterführenden Evolutionsgeschichte, sondern einer inneren vertikalen Revolution von oben. Da helfen auch keine wohlgemeint initiierten Resilienztherapien von Joga bis Buddha und keine Wellness- und Fitnessstudios. Aber die Scham darüber rehabilitiert auch uns als Täter und Schuldige vor der überwältigenden Güte der gerechtfertigten Opfer und dürfen so auch erst recht auf die wohlwollende Barmherzigkeit Gottes, die allen gilt, mithoffen. So schämen auch wir uns, wie auch einst Adam und Eva im Paradies, weil sie nackt waren, wie wir auch vor Gott. Wir alle sind Sünder und bedürfen der Barmherzigkeit Gottes. Weil wir selbst unsere Rechtfertigung nicht bewirken können. So verlieren dann Hölle und Tod all ihre Schrecken, weil Gott eben den Tod des Sünders nicht will, sondern er will, dass er lebe. Dann bleiben auch die Opfer nicht die ewigen Verlierer und die Täter nicht triumphierende Gewinner. Das können und müssen auch die härtesten Atheisten und Nihilisten vernünftigerweise wollen. Das gilt vor allem auch insgesamt für die hochtechnisierte Welt, die für den wissenschaftlichen Fortschritt über Leichen geht.
Die Wissenschaft fragt nur nach Ursachen, nach dem „Wie?“, echte Philosophie und Religion nach dem Urgrund, dem „Warum“. Die Wissenschaft heute aber sollte sich mehr um die Auswirkungen ihres Könnens kümmern und sich fragen, ob sie es auch verwirklichen sollte. Sie darf nicht alles, was sie kann (Das Sollen geht über das Sein), sonst geht sie in ihre eigene naturalistische Falle (naturalistischer Fehlschluss). „An einen Gott glauben, heißt Sehen, dass die Welt einen Sinn hat“, sagt Wittgenstein, ein wahrlich konfessionell unbelasteter Denker.
Die, in solchem Hoffnungsglauben sterben, das sind die wahren Realisten, für die der Tod nicht das letzte Wort hat (J. Moltmann, J.B. Metz). Sie sind keine infantile oder neurotische oder opiumgeschwängerte Träumer, wie Karl Marx, Siegmund Freud dozieren, oder wie Ludwig Feuerbach, als Urheber den Menschen verdächtigte, Nietzsche, der Gott tötete, um den Menschen zum Übermenschen und Übergott zu erheben. „Gott ist tot. Nietzsche“ sprayte jemand auf die „Berliner Mauer“, damals, und ein Witzbold schrieb darunter: „Nietzsche ist tot. Gott“. Ja, es sind die, die an einen Gott glauben, der das erste Wort und das letzte Wort hat oder, wie Johannes im Prolog sagt: „Im (nicht am) Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“. Wer auf diesen Gott setzt, darf sich und kann sich getrost dem überlassen, der eben kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen ist, der ewiges Leben selber ist und so als ewiges Licht ins trostlose Grau des Novembers vorausleuchtet gleichsam als Stern von Bethlehem.

Mit herzlichem Gruß,
Hans Eberhardt für die Säbenfreunde



November 2017
aktuelle Termine


  • Verkaufsstand am B.B.W.-Weihnachtsmarkt in Abensberg
    Dienstag - 28.11.2017 - 16:30-20:30 Uhr
    Mittwoch - 29.11.2017 - 16:30-20:30 Uhr
  • Verkaufsstand am Bismarckplatz-Weihnachtsmarkt in Regensburg
    Freitag - 08.12.2017 - 14:00-21:00 Uhr
    Samstag - 09.12.2017 - 11:00-21:00 Uhr
    Sonntag - 10.12.2017 - 10:00-19:00 Uhr
  • Kein Stammtisch im Dezember 2017
  • Stammtisch in Abensberg, Jungbräu
    Mittwoch - 24.01.2018 - ab ca. 18:00 Uhr



Herbst 2017
aktuelle Termine


  • 1. Engagement-Messe in Regensburg, Continental-Arena

    Sonntag, 24. September 2017, 11:00-17:00 Uhr, gut erreichbar mit dem Shuttlebus der RVB
    Hier präsentieren sich 63 Gruppierungen, die sich ehrenamtlich engagieren. Dabei sind auch die
    "Kloster Säben Freunde e.V."
  • Herbstfahrt nach Säben: 29. September - 3. Oktober 2017
    (Anmeldung zu dieser Fahrt bei Hermann Messerer)
  • Stammtisch am Mittwoch, 11. Oktober 2017, 18:00 Uhr, im Jungbräu Abensberg
  • Der Stammtisch im November ist in Vorbereitung



März 2017
aktuelle Termine

  • Stammtisch am Mittwoch, 19. Juli 2017, 18:00 Uhr, im Krinninger-Garten, Abensberg (Anmeldung unbedingt erforderlich!)
  • Stammtisch am Mittwoch, 6. September 2017, 18:00 Uhr, im Steidlewirt, Regensburg
  • Herbstfahrt nach Säben: 29. September - 3. Oktober 2017
    (Anmeldung zu dieser Fahrt bei Hermann Messerer)




Ostern 2017
Osterbrief 2017

Ja, Er ist wahrhaft auferstanden. „Er ist erstanden von der Marter alle, "des sollen wir alle froh sein“, jubeln wir am Ostermorgen. Die Karfreitagsdepression ist überwunden. Am Karfreitag sangen wir noch: „Was du, Herr, hast erduldet, ist alles meine Last; ich hab das verschuldet, was du getragen hast.“
Du, der Unschuldigste von allen: auch fiir mich gestorben am Kreuz, nach dem Willen des Vaters, der Sühne fordert seit der Schuld Adams.
Wir alle sind in dessen Schuld als Erben verstrickt für alle Zeit, schon vom Mutterschoß an. Wir haben Gott so erzürnt, dass er sogar seinen geliebten Sohn als Sühnopfer einfordert, so interpretiert die Bibel.
Ein leidender Gottessohn, Opfer eines Sühne fordernden Gottes. Welch ein Gott?
Hätte er nicht auch anders gekonnt?
Dieses, seit Jahrhunderten tradierte Gottesbild ist heute vielen nicht mehr plausibel, ist in Kritik geraten, nicht erst seit Jean Paul, Nietzsche oder Feuerbach, Marx oder Freud, bis hin zu Dawkins"„Gotteswahn“. Die Griechen auf dem Areopag schüttelten damals den Kopf über die Predigt des Paulus: „von der Torheit des Kreuzes“, von einem Gott, der leiden musste. Dieser Gott aber leidet nicht nur, erleidet mit uns und in Christus fiir uns. Er stirbt seinen Tod mit ihm am Kreuz. Er macht sich selber zum Opfer und erlöst und befreit uns aus Sünde und Tod in die Auferstehung hinein. So bleibt die „Frohe Botschaft“ von der Auferstehung nicht am Kreuz hängen, sondern strahlt am Ostermorgen auf und wandelt so die Schuld „mea maxima cuipa“ in eine „felix culpa“, die eine glückliche Versöhnung bringt.
Diese Einheit von Schuld und Versöhnung ist nur in Gott, dem Allbarmherzigen transparent. Franziskus stellt sie, diese Barmherzigkeit immer wieder in die Mitte des Evangeliums. Aber dieser barmherzige Gott ist vielen angesichts der chaotischen und brutalen Wirklichkeit der Welt verborgen oder abhanden gekommen, wie auch das Bild vom „leidenden Gottesknecht“, mit dem die biblischen Texte argumentieren und die Gläubigen konfrontieren. Vielleicht ist dies der tiefste Grund der Glaubenskrise der christlichen Kirchen heute.
Nicht Gott ist es, der in Krise geraten ist, sondern unsere menschengemachten Gottesbilder, die nicht mehr zur erlösenden Botschaft Jesu passen. Dieser Gott lebt, auch wenn viele oder selbst auch wir nicht mehr an ihn glauben können oder wollen. „Gott ist tot: Nietzsche“ pinselte jemand auf die eingestürzte Berliner Mauer und darunter: „Nietzsche ist tot: Gott“, antwortet der Glaube.
Ja, er ist ein Gott, der seiner Schöpfung treu bleibt. Er ist so sehr in die Menschen verliebt, dass er seiber Mensch wird, herabsteigt in die Niederungen menschlicher Abgründe, zu den Toten in der Unterwelt geht und so seine bedingungslose Liebe „sola gratia“, wie Luther sagen würde, weit über den Tod hinaus zeigt. Dieses sühnende Opferhandeln manifestiert sich in der Inkarnation, in der Menschwerdung des Gottessohnes, in der "Kenosis" Gottes, wie die Theologen sagen, und vollendet sich in der Auferstehung, die den ganzen Heilsprozess im Kosmos zur Vollendung und Versöhnung bringt, in „Christus Omega“ (Teilhard de Chardin).
Die Barmherzigkeit Gottes ist größer als alles menschliche Gerechtigkeitsempfinden. Er hat auch dann noch Möglichkeiten, wenn fiir den Menschen nichts mehr möglich scheint. Bei Gott ist nichts unmöglich. Dies ist die Quintessenz des christlichen Glaubens, von dem Paulus den Korinthern (i Kor I5, 13-i4) schreibt: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung und unser Glaube sinnlos“, und trostlos, füge ich hinzu.
Aber, weil Gott, wie unser Glaube sagt, wie die Schrift verkündet, und die Zeugen erlebt und erfahren haben, weil er lebt und auferweckt wurde, werden auch wir auferweckt werden und in ihm leben. Deshalb legitimiert und rechtfertigt sich der christliche Glaube in der Realität der Geschichte selber, wie in keiner anderen Religion oder Weitanschauung sonst. Er manifestiert sich historisch in der Geschichte, im Leben und Sterben Jesu, weil er siebst den ganzen Menschen mit all seiner Menschlichkeit, Schuld und Schwäche mit in sein Sterben und Auferstehen hineinnimmt.
Was uns als Christen noch in unser letzten Verzweiflung Halt geben kann, ist der Schrei Jesu selber, wo er noch im Tod und Sterben seinen Geist in die Hände des Vaters haucht. Auch Benedikt XVI. bindet in seinem Jesusbuch (Bd.II) die historische Gestalt Jesu über seinen Tod hinaus mit der Wirkungsgeschichte seiner Botschaft in der Gemeinschaft der Glaubenden zusammen, in denen Jesus fortlebt. Die Jünger von Emmaus erkannten ihn trotz ihrer anfänglichen Enttäuschung beim Brotbrechen am gemeinsamen Tisch des Herrn. Ja, Glaube braucht Dialog und Kommunikation, braucht gemeinsame Interpretation von Erfahren und Erleben. „Noch in der selben Stunde ..." brachen die Emmausjünger nach Jerusalem auf und sie erzählten von ihrer Überzeugung und Begegnung mit Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der in ihren Herzen, in ihrem Handeln und Tun lebt und nicht vergeblich gestorben ist. Der Zweifler Thomas erkannte ihn an seinen sichtbaren Wundmalen, in denen das ganze Leid der Weltgeschichte geborgen ist, mit hineingenommen in seine Auferstehung und Erlösung. Das ist ihm Beweis dafiir, dass Gott sich über den Tod hinaus zum Gekreuzigten bekennt und auf der Seite der Opfer steht. Er lässt diese nicht die ewigen Verlierer der Geschichte sein. Aber auch die Täter bleiben nicht ungeschoren, weil sie von den Opfern beschämt, und vor einem „gnädigen Gott“ gar nicht anders können als auf die Knie zu sinken. Und wenn Jesus am Kreuz noch seinen Peinigern vergibt, wird sich auch Gott der Täter und Sünder erbarmen, und seine Sonne scheinen lassen über Gute und Böse (siehe Mt 5,45). "... wie auch wir vergeben unseren Schuldigem."
Dies ist nur ein bescheidener Versuch, sich der Torheit des Kreuzes und der Herrlichkeit der Auferstehung mit unser begrenzten Vernunft zu nähern.
Auch fiir Giovanni Vattimo, den italienischen Philosophen, gelten Tatsachen nicht direkt als zugängig, sondern sind nur über Interpretationen relevant fiir unser Verstehen. Die Welt ist zwar die Gesamtheit aller Tatsachen, nach Wittgenstein, aber das Ganze ist eben mehr als die Summe aller Teile. Und diesen Mehrwert erkennen wir nur mit dem Herzen, frei nach A. de Saint-Exupery, in der Liebe, der wir in Christus begegnen, bewusst oder unbewusst.
Gott, der alles „gut, ja sehr gut“ gemacht hat, um im Bild der Genesislesung in der Osternacht zu bleiben, wird zuletzt auch für ein gutes Ende sorgen, fiir alle und alles, an dem Tag, an dem er alles und über allem sein wird in Herrlichkeit.
In diesem Glauben, in Hoffnung und Liebe zu Christus, dem Auferstandenen, darf ich uns allen ein frohes und ewiges Osterfest wünschen.

Euer
Hans Eberhardt





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