Weihachten 2015
Weihnachtsbrief 2015


„Er kam in sein Eigentum, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh.1,11)
Weihnachten steht vor der Tür. Das klingt fast bedrohlich. Nur die Kinder können es noch kaum erwarten, - das Christkind. Aber wir Erwachsenen übertönen diese Zeit im Lärm und der Hektik der Geschäftigkeit, und machen den Advent zur Vorweihnachtszeit. „Weihnachten, man müsste es erfinden, wenn es Weihnachten nicht schon gäbe“, philosophieren die Geschäftstüchtigen und beginnen schon am 23. November, wenn nicht schon früher mit ihren Märkten. Man macht sich Weihnachten selbst. Worauf warten wir dann noch? 
Viele können mit dem Gerede vom menschgewordenen Gottessohn sowieso nichts anfangen, und deshalb ist die Erfahrung des Advents als sehnsuchtsvolles Warten auch abhanden gekommen oder löst sich im Glühweindunst auf und steigt zum kunstlichtversmogten Himmel bei Dauerberieselung und Jingle Bells. Dieser süße Kitsch bringt vielleicht etwas Rührung hervor und Sehnsucht nach der heilen Welt der Kindheit oder öffnet vielleicht die Geldbörse bei einer weihnachtlichen Lotterieshow für Heimatlose, Elternlose, neuerdings auch Flüchtlinge. Spätestens am 26. Dezember ist der ganze Zauber vorbei.
Echte Freude am weihnachtlichen Geschehen kann dieser Zauber nicht vermitteln. Das vermag vielleicht nur echte Kunst, in Musik oder Malerei, die noch Wahrheit und Schönheit zusammenbringt, eine Kunst, die Fragen stellt, aber nicht oberflächliche Lösungen bietet, wie Kitsch und Krempel vieler Weihnachtsmärkte. Weil viele mit dem Geheimnis von Weihnachten nichts mehr anfangen können, fliehen sie vor dem Weihnachtsblues in die Ferne, in die Sonne, ans Meer oder in die Disko am Heiligen Abend. Aber ihr Herz bleibt leer, weil die verborgene Sehnsucht letztlich keine Erfüllung findet. 
Für viele bleibt Weihnachten ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das gelüftet ist, ist kein Geheimnis mehr, vor allem, wenn man sich selber alle Wünsche zu erfüllen meint. Kinder haben noch Wünsche an das Christkind. Einem Geheimnis muss man sich leise nähern, muss man glauben und dieser Glaube führt zum Denken. Das Kind in der Krippe trägt ein Geheimnis in sich. Auf der Spur dieses Geheimnisses erzählen die Evangelisten Lukas und Matthäus die Geschichte von Bethlehem, wo sich die Menschlichkeit Gottes in einem Kind offenbart, im Stall, geboren aus der Jungfrau Maria. Gott wird Mensch, ein Kind, hilflos, wehrlos, armselig und schutzbedürftig. Der Allmächtige, der Allwissende bar aller Macht und Herrlichkeit gibt sich in die Hände des Menschen. „Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest wie Gott zu sein“, wird Paulus im Philipperbrief schreiben. „Er entäußert sich, nimmt an die Knechtsgestalt. (Phil. 2,7)“. Das ist die wahre Umwertung aller Werte, das ist nicht der Übermensch Nietzsches, der seine Stärke in der Macht sieht, sondern in der Schwachheit. Das Kind in der Krippe steht im Mittelpunkt, schwach und hilflos. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Mt. 3,3). Gott wird Kind, - aber wir wollen unsere Kinder oft zu Göttern machen. Eltern wollen das perfekte Kind, das „Überkind“, pränatal diagnostiziert, vielleicht schon vorembryonal manipuliert, geschaffen nach dem Wunschbild der Eltern, nicht nach dem Bild Gottes. Der Mensch will selber Gott spielen und verspielt so seine Würde und Ebenbildlichkeit und damit auch seine Freiheit, der zu werden, der er ist.
„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“…“und das Wort ist Fleisch geworden.“(Joh. 1,1) Ja, das Wort braucht das Hören. Für Karl Rahner, kommt der Glaube vom Hören. Gott aber macht nicht viele Worte, er wird Mensch. Er spricht sich ganz aus in seinem Sohn. Glaube meint nicht nur an bloße Worte glauben oder Sätze für wahr halten, sondern glauben bedeutet ein Tun. Glaube heißt Nachfolge, Mitwirken, Menschwerden. „Mach es wie Gott, werde Mensch“, sagte Kamphaus, der andere Bischof von Limburg. Er ist das Wort, er, über den hinaus größeres nicht gedacht, geschweige denn gesagt werden kann. (Anselm v. Canterbury) Er macht sich klein, wird wie auch wir in seine Schöpfung hineingeboren, allen Nöten des Lebens, des Wachstums, und dem körperlichen und geistigen Werdensprozess ausgeliefert. Er ist nicht der absolut Statische, das „Sein“ selbst, der „unbewegte Beweger“ wie Aristoteles definiert, sondern das biblische Gottesbild überwindet alle Bilder, die Menschen sich von Gott machen. Gott ist im „Werden“ ewiges Sein, wie die Prozessphilosophie zu denken versucht. Er bringt sich selber in den Schöpfungsprozess ein bis zur Vollendung im endgültigen Omega, wo er alles in und über allem ist, wie Teilhard de Chardin sagt.
Als Menschen sind wir nach dem Bild Gottes geschaffen, in Freiheit geadelt und so mitverantwortlich für die ganze Schöpfung und ihre Erhaltung. Diese Freiheit ist die Schnittfläche zwischen Gott und Mensch. Zu dieser Freiheit gehören konstitutiv nicht erst seit 1789 (der französischen Revolution) Gleichheit und Brüderlichkeit. Unser Gott an den wir glauben, ist ein Gott, der befreit und erlöst Wir glauben eben nicht alle an den gleichen Gott. Der Gott der Bibel ist auch nicht der Gott der Philosophen, der Leid, Krankheit, Hunger und Gewalt zulässt, weil er nicht, wie seine Gegner und Spötter geifern, anders könne oder wolle. Auch die Religionskritik trifft nicht den Gott der Bibel. Dieser Gott wird Mensch. Aber die Menschen wollen, so scheint es, seine leergewordene Stelle im Himmel selber einnehmen. Viele finden das alleinige Freiheitspathos verteidigungswürdig, wie Trauerkundgebungen in Paris kürzlich zeigten, und verteidigen einen platten Libertinismus, wo alles geht und alles erlaubt ist. Vernunft allein aber ist kalt und geht, wenn es sein muss über Leichen. Aber schon Blaise Pascal (17.Jhd.) beschwor die Logik des Herzens, nicht die des Kopfes. „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“ Das Kind in der Krippe, es geht uns zu Herzen, will uns aufrütteln und unser Erbarmen wecken. Barmherzigkeit ist das Stichwort von Papst Franziskus und seine Sendung aus dem Evangelium. Das neu eröffnete „Jahr der Barmherzigkeit“ will den Weg Gottes, und also auch den Weg der Kirche zum Menschen weisen. 
Auch viele Philosophen lehnen einen überdehnten Vernunftbegriff ab und fordern einen „kritischen Rationalismus“, der eine absolute Vernunft in Frage stellt. Auch kritische Naturwissenschaftler, von Einstein bis Heisenberg relativieren sogar scheinbare Naturgesetze, die ja nur beschreiben, wie etwas funktioniert, aber nicht warum. Auch die sogenannte Urknalltheorie ist nur eine Theorie und sie weiß nicht, was da geknallt hat, und warum „überhaupt etwas ist, und nicht vielmehr nichts“ (Heidegger). Immanuel Kant zeigte: Wir können die Welt nur so weit verstehen, wie unser Erkenntnisvermögen reicht. Der Philosoph Giovanni Vattimo sagt: „ Es gibt keine absoluten Erkenntnisse, sondern nur Interpretationen.“ Solche können sich ändern, veralten, oder sich weiterentwickeln. Wir können Gott nicht erkennen, meint Pascal, aber wir können wetten. Auch Naturgesetze haben einen Erkenntnisprozess hinter sich, haben eine Entwicklungsgeschichte, wie auch Dogmen eine Entwicklungsgeschichte haben (H. Newman). Dogmen sind gleichsam Laternen auf dem Weg. Aber nur Betrunkene klammern sich daran fest, oder auch ewig gestrige Fundamentalisten, die jede Dynamik und jeden Fortschritt im religiösen Bewusstsein leugnen. Wetten aber setzt Engagement voraus und ist immer riskant, weil man verlieren kann. Aber der Wetteinsatz ist ungleich geringer als der verheißene Gewinn (das ewige Leben). Ja es geht um alles oder nichts. 
Auch biblische Vorstellungen sind zeitgeschichtlich bedingt. Sie sind oft von philosophischen Interpretationen geprägt, und manchmal von politischen Absichten gesteuert. Aber die tiefsten Grundfragen unseres Lebens bleiben Geheimnis. Wir müssen sie deuten, um für uns Sinn zu gewinnen. Auch die Religionen bieten solche Deutungen, die sich im religiösen Bewusstsein der Gläubigen kollektiv weiterentwickeln in einem Prozess, der im Mensch gewordenen Sohn endgültig begonnen und biblisch gesprochen in der Wiederkunft Christi für den ganzen Kosmos und seine Geschichte unendliche Vollendung finden wird. Es kommt darauf an, dem Ewigen im Vergänglichen Raum zu schaffen, gleichsam am Ewigen anzudocken, um dem Verfallsdatum alles Endlichen zu entgehen. 
Die Frage ist also nicht, ob Gott existiert, sondern ob es Gott für mich gibt, mein Leben, Verhalten und Tun verändert. „Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist tot“, sagt Jakobus in seinem Brief (2,17), und das Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ spricht Bände. William James, der Philosoph des Pragmatismus lehrt: Wahrheit ist das, was sich bewährt. Wenn du dein Leben änderst, hast du dich schon entschieden für Gott. Wenn sich nichts ändert, verliert auch der Glaube.
Eine nostalgische Sehnsucht nach einer vergangenen Idylle, nach einer heilen Welt oder der „guten alten Zeit“ ist kein Wegweiser für die Zukunft. Das wäre fast so etwas wie ein „historistischer“ Fehlschluss. Es geht darum, sich für eine Zukunft zu entscheiden, deren Dynamik sich aus Gottes Barmherzigkeit speist, die sich im Menschgewordenen Sohn Jesus Christus geoffenbart hat, damit auch wir wahrhaft Mensch werden können.

Nach Weihnachten ist für viele vor Weihnachten, alle Jahre wieder. „ Und wenn die fünfte Kerze brennt, hast du Weihnachten verpennt“, reimen schon Kinder. Aber Gott bleibt seiner Schöpfung und der Erde treu. Er wird Mensch. „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde“. Immer Jetzt. Das ist der „Kairos“, die Kreuzung zwischen Zeit und Ewigkeit. Das ist der „Kairos“ von Bethlehem. Der Ewige tritt ein in das Zeitliche, wird Kind in Maria, wo das Göttliche und das Menschliche sich untrennbar im Kind verbinden, im freien Jawort Marias zur Botschaft des Engels. 
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. „Allen aber die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“  Das ist Grund das Weihnachtsfest zu feiern.  Wo dieser Grund verlorengeht, verlieren unsere Feste ihre Seele und das Leben letztlich seinen Sinn.

Für Weihnachten wünsche ich uns allen ein frohes und gesegnetes Fest für Leib, Seele und Geist.


Hans Eberhardt



Dezember 2015
Wir sind am Weihnachtsmarkt in Prüfening


Der Verein "Kloster Säben Freunde e.V." mit Sitz in Abensberg betreibt auf dem Weihnachtsmarkt in Prüfening einen Verkaufsstand. Es gibt ca. 15 weitere Anbieter, fast ausnahmslos sind diese ehrenamtlich tätig.
Auch gibt es ein vielfältiges Kultur- und Musikprogramm, die Beiträge beginnen zu jeder vollen Stunde und dauern unterschiedlich lang.


Öffnungszeiten:
 Samstag, 12.12.2015 von 13:00 Uhr bis 21:00 Uhr

Sonntag, 13.12.2015 von 11:00 Uhr bis 19:00 Uhr


Ort: Prüfening - Garten der Schlossgaststätte




Meditation beim Erntedankgottesdienst 2015 in Kloster Säben

Liebe, verehrte Schwestern, Hochwürdiger Pater Andreas, liebe Säbenfreunde
Erntedank feiert die Kirche heute, am 1. Sonntag im Oktober. Und da ist das 8.Kapitel im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, eine perfekte Steilvorlage für eine Meditation.
.„Wenn dich dein Gott“ heißt es im Vers 7, „in ein prächtiges Land führt, mit Weizen, Gerste und Weinstöcken, dann vergiss den Herrn nicht, und denke nicht bei dir, ich selber habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft erworben, denk vielmehr: Er war es, der mir die Kraft gab.“
Ja: Erntezeit ist Zeit der Reife für die Früchte der Erde, und die Zeit ist reif zu danken dem der alles reifen lässt. Danken ist ein Zeichen der Reife, Danken ist denken mit dem Herzen, nicht nur mit dem Verstand. Aber wie schwer fällt es heute zu danken? Echte Dankbarkeit ist selten geworden. Der „homo faber“ ist es, der Macher, der alles selber in die Hand genommen hat, sein Schicksal, ja sogar sein Leben. Er hat die ganze Schöpfung in seinen Dienst gestellt und nach seinem Gutdünken manipuliert. Wem soll er denn danken? Er, der die Umwelt vergiftet, die Böden ausbeutet, die Ressourcen, auch die der Zukunft verschwendet, das Klima zerstört, ja das Leben seiner eigenen Nachkommen auf’ s Spiel setzt.
„Zeit ist Geld“ sagen die Wirtschafts- und Firmenbosse, und „Geld regiert die Welt“. „Diese Wirtschaft tötet“, sagt Papst Franziskus lapidar. Wozu dann noch Gott? „Wir haben ihn getötet“, schreit Nietzsche in die Gottesfinsternis unserer Welt. Doch, Danken kommt vom Denken, und das Denken ist uns scheint’s abhanden gekommen, wenn es um diese Frage geht: Woher kommt Alles? Ja, „Undank ist der Welt Lohn“, aber gilt dieser Spruch vielleicht auch umgekehrt? Dank ist Gottes Lohn, und Denken führt zu Gott, dem wir alles verdanken.
Ja, woher kommen denn wir selber? Haben wir uns denn selbst ins Dasein gerufen? Wer hat denn all das so gefügt? Unser Dank muss noch viel weitergehen, Dank an den, der allem Leben und aller Existenz Sinn und Orientierung gibt, und Hoffnung, mit der man leben und sogar sterben kann.
„Gepriesen bist Du, Herr unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns Brot und Wein, die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit“ , so beten wir in der Eucharistie, der großen Danksagung der heiligen Liturgie. Brot und Arbeit gehören zusammen. 
Eine rabbinische Legende erzählt: Als der Herr der Erde Früchte hervorbringen ließ, da kam eines Tages der Weizen zu Gott und klagte: „Warum hast Du mich nicht gleich so geschaffen, dass die Menschen mich so essen können wie ich bin? So müssen sie mich erst mähen, dreschen, mahlen und im Ofen backen…Und die Trauben kamen zum Schöpfer und klagten: „Uns müssen sie zuerst schneiden, in einer Torggl pressen und keltern damit Wein aus uns wird. Warum lässt Du das zu?“ Der Herr erwiderte darauf: “Ihr sollt froh sein, statt Euch zu beklagen. Es ist nämlich für den Menschen gut, dass er arbeiten muss, und euch nicht gleich essen kann, wie ihr seid. Wenn die Menschen arbeiten, freuen sie sich über das Gelingen ihrer Arbeit, wie auch über die Schöpfung, und der Wein erfreut ihr Herz.“ „Ora et labora“: Gebet und Arbeit, schrieb der Heilige Benedikt schon 529 n. Chr. in seiner Ordensregel. Arbeit ist Danken mit den Händen.
Ja, wer so mit den guten Gaben der Schöpfung und der menschlichen Arbeit belohnt wird, kann, ja muss selber schenken und seine Freude weitergeben, kann seine Gaben teilen und seine Nächsten beglücken. Wer teilt, verliert nichts für die Ewigkeit, denn im Himmel zählt nur das, was man verschenkt und geteilt hat.
Wer denkt da heute nicht an die Flüchtlingsströme aus den Kriegs,- und Hungergebieten, die zu uns kommen, weil unsere Speicher gefüllt sind mit Gütern, die oft diesen Armen vorenthalten werden. Danken heißt Teilen, auch die Früchte der Arbeit. Und es kann für uns nicht wirklich darum gehen, noch größere Scheunen zu bauen, wie der reiche Mann im Gleichnis Jesu bei Lukas. „Du Narr“, sprach Gott zum reichen Mann: „Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von Dir zurückfordern.“ So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott arm ist, weil er seinen Reichtum nicht teilt.
Das ist echter Erntedank vor Gott: Teilen, für die Armen sorgen, und wir werden Schätze sammeln vor Gott und für die Ewigkeit.

Hans Eberhardt




Termin der Herbstfahrt

Nochmal dieser Hinweis:
Herbstfahrt zum Kloster Säben in Kooperation mit dem B.B.W. St. Franziskus Abensberg
30. September – 4. Oktober 2015
Anmeldungen zu dieser Fahrt nimmt Hermann Messerer entgegen: hermann.messerer@bbw-abensberg.de – Tel. 09443-709-189.



Juni 2015
Die Botschaft von Säben

Beitrag zur Jahreshauptversammlung am 17. Juni 2015

Das Jahr 2015 ist von Papst Franziskus zum „Jahr der Orden“ ausgerufen worden. Doch die Resonanz in der Kirche scheint sich auch bei uns, in Europa oder in Nordamerika, wo bereits viele Klöster und Ordenseinrichtungen leer stehen und aufgelöst werden, oder unter akutem Nachwuchsmangel und Überalterung leiden, wie unser Kloster Säben ja auch,  in Grenzen zu halten. Die „ Lage scheint hoffnungslos und die Zeit der Orden hierzulande vorbei“, klagte kürzlich die Zentrale der Ordensoberen in der „Herder-Korrespondenz“. Von Kulturabbruch ist die Rede. Und in der Tat, die Orden prägten die Geschichte vor allem der Katholischen Kirche, die Glaubenstradition, die Theologie und nicht zuletzt die ganze Kulturgeschichte, besonders Europas, von Anfang an bis heute.
Natürlich gibt es viele Überlegungen, die sich mit dem Ordenssterben und dem Rückgang der Ordensberufungen auseinandersetzen. Ist es die allgemeine Säkularisierung, der Glaubensschwund, die Tradierungskrise, das Konsumdenken unserer Wohlstandsgesellschaft; ist es die zunehmende Distanz von der Kirche im gesellschaftlichen und politischen Feld, der Autoritätsverlust auch im moralischen Bereich, oder die zunehmende Schwierigkeit, die Kluft zwischen Glaube und Wissenschaft zu überbrücken oder zu versöhnen? Oder sind es, im Blick auf Ordensgelübde: „Armut, Keuschheit und Gehorsam“, der Verlust ihrer spirituellen Akzeptanz, oder braucht es vielleicht heute neue und andere Formen, das Evangelium zu bezeugen oder die Nachfolge Christi spirituell und lebensnah plausibel zu machen und zu leben? Oder andere und neue Formen von Ordensgemeinschaften selber, vielleicht auch zusammen mit verheirateten und unverheirateten Laien? Braucht es andere Orte, „Anders-Orte“ wie das Michel Foucault, der französische Philosoph sie nennt, um inmitten der alltäglichen Abläufe unseres Lebens etwas Anderes aufscheinen zu lassen, nämlich: Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit über unser endliches und stets gefährdetes Dasein hinaus, wo vor allem bei Ordens-Christen und ihrer intensiveren Nachfolge, ihr spirituelles und pastorales Engagement deutlicher werden und so die Hoffnung der Christen auf die Vollendung in Gott offen gehalten wird?
Papst Franziskus nennt diese auf das Eschatologische hin ausgerichtete Spiritualität „prophetisch“, weil sie frei macht für eine radikale Existenz hier und heute, frei auf den Anderen hin in der Nachfolge Christi. „Der Blick zum Himmel“ sagt er in seiner blumigen Sprache, „ ist die Bedingung der Möglichkeit für prophetisches, weltzugewandtes Engagement, vor allem auch dann, wenn, wie Benedikt sagen würde, für das „labora“ immer weniger Platz bleibt, und damit das „ora“ immer mehr in den Lebensmittelpunkt rückt, z.B. im Alter. Dieses prophetische Labor, dieses eschatologisch Büro des Betens und Bekennens darf nicht geschlossen werden, vor allem dort nicht, wo seit Jahrhunderten dieser heilige Dienst an der Gesellschaft geleistet wird, wenn auch in immer kleiner werdenden Gemeinschaften. Das, glaube ich, war eine tiefe Erfahrung in Säben vor ein paar Tagen, beim Erleben der Ladinerwallfahrt zur Heilig-Kreuz Kirche auf dem Säbener Berg. Gebet hängt nicht nur von der Zahl der Beter ab, sondern vom Glauben und  seinem Wirken. Der wichtige Theologe und Professor Johann Baptist Metz, ein Schüler Rahners, sprach noch eindringlicher von „Schocktherapie“, von „gefährlicher Erinnerung“ für die Großkirche - und das schon vor fast 50 Jahren in seinem Büchlein: “Zeit der Orden“.
Und in der Tat, ein Benedikt, ein Franz von Assisi, die die Nachfolge Christi als „Maß des Glaubens“ und als Weg der Erneuerung dieser Kirche vorlebten und einforderten, schockten;  und dieser Schock ist heute noch, oder  wäre vielleicht wieder heilsam und notwendig auf dem Weg der Kirche zum „Reich Gottes“,  um es biblisch auszudrücken, und zum Heil und Wohl aller Menschen. Es ist dies die einzig im Glauben an Jesus geschuldete Nachfolge und zwar hier und jetzt schon. Diese bedeutet Verantwortung für alle. Sie darf nicht auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden oder durch ein scheint‘s unveränderbares, evolutionäres Missverständnis – die Evolution geht sowieso ihren Gang durch die Zeit, ob der der Mensch will, oder nicht - gelähmt oder verdrängt werden. Der Ruf Jesu: ?eta??e?te (metanoeite) meint Umdenken, Umkehren, nicht ein moralisches in sich gekehrtes Buße tun im geistlich-religiösen Sinn  oder falscher Frömmigkeit,  vor allem heute auch in unserer globalen, wirtschaftlich und  politischen Lebenspraxis. Papst Franziskus wird das in seiner neuen Enzyklika „Laudato si“ deutlich machen.
Das „Denkt um, das Reich Gottes ist nahe die Zeit ist erfüllt“ (Mk 1,15) betrifft alle. Ja, die Zeit drängt: Nachfolge und Naherwartung gehören zusammen. Es bedarf eines neuen, prophetischen Aufschwungs wie damals zur Zeit des Hl. Benedikt oder des Hl. Franziskus, als die Kirche seit Konstantin dem Großen sich auf die Welt einließ und mit denen paktierte, denen es um ihre eigene Macht ging und nicht um das Reich Gottes, und so dessen Kommen, seine Parusie verzögerten, vielleicht sogar bis heute. Wirkliche Nachfolge wird dort ernstgenommen, wo man sich solidarisiert mit den Armen, den Leidenden, den Unterdrückten, Verfolgten und Ausgesperrten und sich engagiert und im Namen Christi lebt und betet. Nicht zuletzt deshalb sind wir „Freunde des Klosters Säben“, hoffen, beten und arbeiten mit den Schwestern.
Die Kirche und damit auch wir und unsere Gesellschaft braucht - wie Metz sagt - apokalyptische Menschen, die ihr die Radikalität, christlicher Hoffnung „ad oculos“ (vor Augen) führt und unübersehbar demonstrieren, nicht um die „Normal-Christen von dieser Radikalität zu entlasten, sondern um die ganze Kirche (und so auch uns - füge ich hinzu) anschaulich auf den Anspruch des Evangeliums zu verpflichten.
Das ist die Botschaft von Säben, die nicht versiegen darf!
Euer Hans Eberhardt





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