Meditation beim Erntedankgottesdienst 2015 in Kloster Säben

Liebe, verehrte Schwestern, Hochwürdiger Pater Andreas, liebe Säbenfreunde
Erntedank feiert die Kirche heute, am 1. Sonntag im Oktober. Und da ist das 8.Kapitel im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, eine perfekte Steilvorlage für eine Meditation.
.„Wenn dich dein Gott“ heißt es im Vers 7, „in ein prächtiges Land führt, mit Weizen, Gerste und Weinstöcken, dann vergiss den Herrn nicht, und denke nicht bei dir, ich selber habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft erworben, denk vielmehr: Er war es, der mir die Kraft gab.“
Ja: Erntezeit ist Zeit der Reife für die Früchte der Erde, und die Zeit ist reif zu danken dem der alles reifen lässt. Danken ist ein Zeichen der Reife, Danken ist denken mit dem Herzen, nicht nur mit dem Verstand. Aber wie schwer fällt es heute zu danken? Echte Dankbarkeit ist selten geworden. Der „homo faber“ ist es, der Macher, der alles selber in die Hand genommen hat, sein Schicksal, ja sogar sein Leben. Er hat die ganze Schöpfung in seinen Dienst gestellt und nach seinem Gutdünken manipuliert. Wem soll er denn danken? Er, der die Umwelt vergiftet, die Böden ausbeutet, die Ressourcen, auch die der Zukunft verschwendet, das Klima zerstört, ja das Leben seiner eigenen Nachkommen auf’ s Spiel setzt.
„Zeit ist Geld“ sagen die Wirtschafts- und Firmenbosse, und „Geld regiert die Welt“. „Diese Wirtschaft tötet“, sagt Papst Franziskus lapidar. Wozu dann noch Gott? „Wir haben ihn getötet“, schreit Nietzsche in die Gottesfinsternis unserer Welt. Doch, Danken kommt vom Denken, und das Denken ist uns scheint’s abhanden gekommen, wenn es um diese Frage geht: Woher kommt Alles? Ja, „Undank ist der Welt Lohn“, aber gilt dieser Spruch vielleicht auch umgekehrt? Dank ist Gottes Lohn, und Denken führt zu Gott, dem wir alles verdanken.
Ja, woher kommen denn wir selber? Haben wir uns denn selbst ins Dasein gerufen? Wer hat denn all das so gefügt? Unser Dank muss noch viel weitergehen, Dank an den, der allem Leben und aller Existenz Sinn und Orientierung gibt, und Hoffnung, mit der man leben und sogar sterben kann.
„Gepriesen bist Du, Herr unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns Brot und Wein, die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit“ , so beten wir in der Eucharistie, der großen Danksagung der heiligen Liturgie. Brot und Arbeit gehören zusammen. 
Eine rabbinische Legende erzählt: Als der Herr der Erde Früchte hervorbringen ließ, da kam eines Tages der Weizen zu Gott und klagte: „Warum hast Du mich nicht gleich so geschaffen, dass die Menschen mich so essen können wie ich bin? So müssen sie mich erst mähen, dreschen, mahlen und im Ofen backen…Und die Trauben kamen zum Schöpfer und klagten: „Uns müssen sie zuerst schneiden, in einer Torggl pressen und keltern damit Wein aus uns wird. Warum lässt Du das zu?“ Der Herr erwiderte darauf: “Ihr sollt froh sein, statt Euch zu beklagen. Es ist nämlich für den Menschen gut, dass er arbeiten muss, und euch nicht gleich essen kann, wie ihr seid. Wenn die Menschen arbeiten, freuen sie sich über das Gelingen ihrer Arbeit, wie auch über die Schöpfung, und der Wein erfreut ihr Herz.“ „Ora et labora“: Gebet und Arbeit, schrieb der Heilige Benedikt schon 529 n. Chr. in seiner Ordensregel. Arbeit ist Danken mit den Händen.
Ja, wer so mit den guten Gaben der Schöpfung und der menschlichen Arbeit belohnt wird, kann, ja muss selber schenken und seine Freude weitergeben, kann seine Gaben teilen und seine Nächsten beglücken. Wer teilt, verliert nichts für die Ewigkeit, denn im Himmel zählt nur das, was man verschenkt und geteilt hat.
Wer denkt da heute nicht an die Flüchtlingsströme aus den Kriegs,- und Hungergebieten, die zu uns kommen, weil unsere Speicher gefüllt sind mit Gütern, die oft diesen Armen vorenthalten werden. Danken heißt Teilen, auch die Früchte der Arbeit. Und es kann für uns nicht wirklich darum gehen, noch größere Scheunen zu bauen, wie der reiche Mann im Gleichnis Jesu bei Lukas. „Du Narr“, sprach Gott zum reichen Mann: „Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von Dir zurückfordern.“ So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott arm ist, weil er seinen Reichtum nicht teilt.
Das ist echter Erntedank vor Gott: Teilen, für die Armen sorgen, und wir werden Schätze sammeln vor Gott und für die Ewigkeit.

Hans Eberhardt




Termin der Herbstfahrt

Nochmal dieser Hinweis:
Herbstfahrt zum Kloster Säben in Kooperation mit dem B.B.W. St. Franziskus Abensberg
30. September – 4. Oktober 2015
Anmeldungen zu dieser Fahrt nimmt Hermann Messerer entgegen: hermann.messerer@bbw-abensberg.de – Tel. 09443-709-189.



Juni 2015
Die Botschaft von Säben

Beitrag zur Jahreshauptversammlung am 17. Juni 2015

Das Jahr 2015 ist von Papst Franziskus zum „Jahr der Orden“ ausgerufen worden. Doch die Resonanz in der Kirche scheint sich auch bei uns, in Europa oder in Nordamerika, wo bereits viele Klöster und Ordenseinrichtungen leer stehen und aufgelöst werden, oder unter akutem Nachwuchsmangel und Überalterung leiden, wie unser Kloster Säben ja auch,  in Grenzen zu halten. Die „ Lage scheint hoffnungslos und die Zeit der Orden hierzulande vorbei“, klagte kürzlich die Zentrale der Ordensoberen in der „Herder-Korrespondenz“. Von Kulturabbruch ist die Rede. Und in der Tat, die Orden prägten die Geschichte vor allem der Katholischen Kirche, die Glaubenstradition, die Theologie und nicht zuletzt die ganze Kulturgeschichte, besonders Europas, von Anfang an bis heute.
Natürlich gibt es viele Überlegungen, die sich mit dem Ordenssterben und dem Rückgang der Ordensberufungen auseinandersetzen. Ist es die allgemeine Säkularisierung, der Glaubensschwund, die Tradierungskrise, das Konsumdenken unserer Wohlstandsgesellschaft; ist es die zunehmende Distanz von der Kirche im gesellschaftlichen und politischen Feld, der Autoritätsverlust auch im moralischen Bereich, oder die zunehmende Schwierigkeit, die Kluft zwischen Glaube und Wissenschaft zu überbrücken oder zu versöhnen? Oder sind es, im Blick auf Ordensgelübde: „Armut, Keuschheit und Gehorsam“, der Verlust ihrer spirituellen Akzeptanz, oder braucht es vielleicht heute neue und andere Formen, das Evangelium zu bezeugen oder die Nachfolge Christi spirituell und lebensnah plausibel zu machen und zu leben? Oder andere und neue Formen von Ordensgemeinschaften selber, vielleicht auch zusammen mit verheirateten und unverheirateten Laien? Braucht es andere Orte, „Anders-Orte“ wie das Michel Foucault, der französische Philosoph sie nennt, um inmitten der alltäglichen Abläufe unseres Lebens etwas Anderes aufscheinen zu lassen, nämlich: Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit über unser endliches und stets gefährdetes Dasein hinaus, wo vor allem bei Ordens-Christen und ihrer intensiveren Nachfolge, ihr spirituelles und pastorales Engagement deutlicher werden und so die Hoffnung der Christen auf die Vollendung in Gott offen gehalten wird?
Papst Franziskus nennt diese auf das Eschatologische hin ausgerichtete Spiritualität „prophetisch“, weil sie frei macht für eine radikale Existenz hier und heute, frei auf den Anderen hin in der Nachfolge Christi. „Der Blick zum Himmel“ sagt er in seiner blumigen Sprache, „ ist die Bedingung der Möglichkeit für prophetisches, weltzugewandtes Engagement, vor allem auch dann, wenn, wie Benedikt sagen würde, für das „labora“ immer weniger Platz bleibt, und damit das „ora“ immer mehr in den Lebensmittelpunkt rückt, z.B. im Alter. Dieses prophetische Labor, dieses eschatologisch Büro des Betens und Bekennens darf nicht geschlossen werden, vor allem dort nicht, wo seit Jahrhunderten dieser heilige Dienst an der Gesellschaft geleistet wird, wenn auch in immer kleiner werdenden Gemeinschaften. Das, glaube ich, war eine tiefe Erfahrung in Säben vor ein paar Tagen, beim Erleben der Ladinerwallfahrt zur Heilig-Kreuz Kirche auf dem Säbener Berg. Gebet hängt nicht nur von der Zahl der Beter ab, sondern vom Glauben und  seinem Wirken. Der wichtige Theologe und Professor Johann Baptist Metz, ein Schüler Rahners, sprach noch eindringlicher von „Schocktherapie“, von „gefährlicher Erinnerung“ für die Großkirche - und das schon vor fast 50 Jahren in seinem Büchlein: “Zeit der Orden“.
Und in der Tat, ein Benedikt, ein Franz von Assisi, die die Nachfolge Christi als „Maß des Glaubens“ und als Weg der Erneuerung dieser Kirche vorlebten und einforderten, schockten;  und dieser Schock ist heute noch, oder  wäre vielleicht wieder heilsam und notwendig auf dem Weg der Kirche zum „Reich Gottes“,  um es biblisch auszudrücken, und zum Heil und Wohl aller Menschen. Es ist dies die einzig im Glauben an Jesus geschuldete Nachfolge und zwar hier und jetzt schon. Diese bedeutet Verantwortung für alle. Sie darf nicht auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden oder durch ein scheint‘s unveränderbares, evolutionäres Missverständnis – die Evolution geht sowieso ihren Gang durch die Zeit, ob der der Mensch will, oder nicht - gelähmt oder verdrängt werden. Der Ruf Jesu: ?eta??e?te (metanoeite) meint Umdenken, Umkehren, nicht ein moralisches in sich gekehrtes Buße tun im geistlich-religiösen Sinn  oder falscher Frömmigkeit,  vor allem heute auch in unserer globalen, wirtschaftlich und  politischen Lebenspraxis. Papst Franziskus wird das in seiner neuen Enzyklika „Laudato si“ deutlich machen.
Das „Denkt um, das Reich Gottes ist nahe die Zeit ist erfüllt“ (Mk 1,15) betrifft alle. Ja, die Zeit drängt: Nachfolge und Naherwartung gehören zusammen. Es bedarf eines neuen, prophetischen Aufschwungs wie damals zur Zeit des Hl. Benedikt oder des Hl. Franziskus, als die Kirche seit Konstantin dem Großen sich auf die Welt einließ und mit denen paktierte, denen es um ihre eigene Macht ging und nicht um das Reich Gottes, und so dessen Kommen, seine Parusie verzögerten, vielleicht sogar bis heute. Wirkliche Nachfolge wird dort ernstgenommen, wo man sich solidarisiert mit den Armen, den Leidenden, den Unterdrückten, Verfolgten und Ausgesperrten und sich engagiert und im Namen Christi lebt und betet. Nicht zuletzt deshalb sind wir „Freunde des Klosters Säben“, hoffen, beten und arbeiten mit den Schwestern.
Die Kirche und damit auch wir und unsere Gesellschaft braucht - wie Metz sagt - apokalyptische Menschen, die ihr die Radikalität, christlicher Hoffnung „ad oculos“ (vor Augen) führt und unübersehbar demonstrieren, nicht um die „Normal-Christen von dieser Radikalität zu entlasten, sondern um die ganze Kirche (und so auch uns - füge ich hinzu) anschaulich auf den Anspruch des Evangeliums zu verpflichten.
Das ist die Botschaft von Säben, die nicht versiegen darf!
Euer Hans Eberhardt



Ostern 2014
Ostergrüße / Termine

Die Vorstandschaft wünscht allen Mitgliedern und Freunden ein gesegnetes Osterfest!
Hier zwei Termine für die nächste Zeit:
Sommerfahrt zum Kloster Säben – Ladiner Wallfahrt
 11.- 14. Juni 2015. 
Vorschlag für die Abfahrtszeit: Donnerstagmittag, aber auch eine Abfahrt am Morgen wäre ggf. denkbar. Bitte bei der Anmeldung angeben. Diese Fahrt wird sich von den Fahrten in den vergangenen Jahren unterscheiden, denn es gibt die Möglichkeit, die Wallfahrt der Ladiner sozusagen als "Zaungäste" mitzuerleben. Am Freitag, 12. Juni feiern die Ladiner in der Hl.-Kreuz-Kirche auf Säben, dem Ziel der Wallfahrt, einen feierlichen Gottesdienst. Vielleicht gibt es die Möglichkeit, den Schwestern bei den Vor-und Nachbereitungen zu helfen. Ein weiterer Unterschied wird sein: wir wohnen nicht im Gästehaus des Klosters, den Aufwand kann der kleine Konvent in Verbindung mit der Ladiner-Wallfahrt nicht bewältigen. Wir suchen uns ein Gasthaus oder Hotel in der nahen Umgebung (z.B. Gasthaus Huber, Weißes Kreuz oder Gasthaus Mühlele).
Wenn Sie Interesse haben, oder Fragen: Schreiben Sie eine E-Mail an martin.innig@bbw-abensberg.de – oder rufen Sie unter 09443-709-287 an.
Herbstfahrt zum Kloster Säben in Kooperation mit dem B.B.W. St. Franziskus Abensberg
30. September – 4. Oktober 2015
Anmeldungen zu dieser Fahrt nimmt Hermann Messerer entgegen: hermann.messerer@bbw-abensberg.de – Tel. 09443-709-189.



Dezember 2014
Weihnachtsbrief 2014

… Allen Menschen wird zuteil, Gottes Heil
Für viele Menschen steht das klassische Weihnachtsevangelium im zweiten Kapitel bei Lukas. „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen….“ (Lk 2,1). Dies hat Konsequenzen, die die Welt seit damals verändert haben. Sie dauern heute noch an.
Auch ganze Epochen der Kunstgeschichte erzählen seit damals in ihren vielgestaltigen Formen die Weihnachtsbotschaft in Bildern, Skulpturen, Literatur, Musik, und vor allem auch Krippendarstellungen. Sie prägen so das religiöse Bewusstsein der Gläubigen mit. Die Kirche, selber wahrscheinlich der größte Kunst- und Kulturmäzen überhaupt, und manche ihrer Fürsten waren dabei nicht immer nur auf die Verherrlichung und Verkündigung der Botschaft aus, sondern auch nicht selten auf eigenen Ruhm, Machtposition und Größe fixiert.
Tebartz-van-Elst aber verwechselte vollends Kunst (religiöse) mit Luxus (individuellem). Vor allem in der Stilepoche und erst recht besonders im Rokoko gelang es, das heilige Geschehen ins Irdische zu übertragen, die Grenzen zwischen Himmel und Erde künstlerisch aufzulösen, das Profane und das Heilige zu verbinden. Meister wie die Asams, die Günthers, Fischers oder Zimmermanns, oder auch Straub (siehe Bild: Engel von Dießen am Ammersee) schufen „theatrum sacrum“, wie zum Beispiel die Klosterkirche Weltenburg, die den Betrachter staunen lässt. Sie versuchen gleichsam den Himmel auf die Erde zu holen, wo Diesseits und Jenseits zusammenfallen und verschmelzen.
Gott wird Mensch. Unfassbar für den menschlichen Geist, nur fassbar in göttlicher Liebe.
Auch Matthäus stellt wie Lukas das Geburtsgeschehen in den Mittelpunkt. Er führt die Weihnachtsbotschaft über die „Idylle“ von Betlehem hinaus ins Globale und Kosmische. Die „Sterndeuter aus dem Osten“ (Mt 2, 1-2)… „haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“. Ihr Weg nach Jerusalem bzw. nach Betlehem ist der Weg zum Heiland, ist der Heilsweg, nicht nur für die Hirten auf dem Feld, sondern gleichsam für die ganze Menschheit und den Kosmos, für die ganze Schöpfung. Dieser Weg wurde ihnen gezeigt von Woanders her, vom Stern, dem Kometen, dem Engel.
Später philosophiert der Evangelist Johannes: „Das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Es war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.“ (Joh 1, 9-10)
Ja, die Kunst damals ließ noch etwas ahnen von der Herrlichkeit, dieser sich offenbarenden Einheit des Göttlichen und des Menschlichen, des Kosmischen und Irdischen. Kunst und Philosophie und Theologie gingen noch Hand in Hand.
Nikolaus Cusanus (1401-1464), Bischof von Brixen und Säben, Kardinal, genialer Mathematiker, Philosoph und Theologe, war einer von den ganz Großen, die diese Einheit noch zu denken wagten und „Wissen“ und „Glauben“ zusammenführten. Aber schon bald, im aufkommenden Rationalismus, und vor allem in der Aufklärung, brach diese Einheit von Wissen und Glauben, von „ratio et fides“, auseinander. Das Wissen wanderte in den Kopf und das Herz blieb leer. Wissenschaft und Glaube verarmten.
„Wir wissen (erkennen) das Unendliche nicht, aber wir wissen um das Unendliche“ (also um Gott).
Der Cusaner spricht von „docta ignorantia“, von „belehrtem Unwissen“. Im Unendlichen aber heben sich alle Grenzen auf und alle Gegensätze, z.B. des Göttlichen und Menschlichen, fallen zusammen in Eins und verlieren doch nicht ihre Identität. Das Ganze ist eben mehr als die Summe aller Teile, weil eben die Differenz nicht aufgehoben wird (= coincidentia oppositorum = Zusammenfall aller Gegensätze). Die „ratio“ aber mit ihrem Alleinanspruch vergewaltigt die Vernunft, weil sie nicht dem Ganzen, sondern nur Teilerkenntnisse redlicherweise erkenntnistheoretisch beanspruchen kann und lässt den Menschen letztlich mit seiner Sehnsucht nach dem Ganzen auf sich alleingestellt, ratlos, orientierungslos, zweifelnd und bisweilen verzweifelnd zurück.
Oft wird darum Gewalt (geistige und sogar physische) im Politischen, Gesellschaftlichen und Wirtschaftlichen zur „ultima ratio“, wie auch Herodes, jener machtgierige Potentat, nur mit Gewalt seine Macht zu erhalten glaubte (Kindermord).
„Gott aber wird Mensch“ – Er entmächtigt sich selbst, legt seine Allmacht ab, wird selbst hilfloses und auf die Liebe von Eltern angewiesenes Menschenkind. Wenn Allmacht und Liebe zusammenfallen, ist Gewalt am Ende, überwältigt von der Liebe.
Aber an welchen Gott glauben wir? Ist das nicht eigentlich unsere Frage: Ob Gott existiert? Es ist eher die Frage der Philosophen, die sie aber nicht beantworten können, rational nicht, wie sie zugeben müssen. Unsere Frage ist: Wie steht Gott zu uns? Ob Gott existiert oder nicht, beides beeinflusst in gleicher Weise unsere Lebenspraxis. Gott gibt es also, ob wir an ihn glauben oder nicht (eine Art negativer Gottesbeweis). Letztlich kommt es nicht darauf an, ob wir Gott erkennen, an ihn glauben oder ihn lieben, sondern darauf, dass ER uns liebt. Das ist die Weihnachtsbotschaft von oben.
Jesus, der menschgewordene Sohn, bringt diese Weihnachtsbotschaft von unten. Diese Liebe des menschgewordenen Gottessohnes nimmt uns als Menschen in die Pflicht, nicht nur im Glauben, sondern vor allem im Tun und Handeln. Glauben ist ein Tunwort. „Mach es wie Gott, werde Mensch“, sagte einmal Bischof Kamphaus.
Glauben heißt für uns, den Menschen Mensch sein. „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gottes Erkenntnis, nicht Brandopfer“, beklagt sich Jahwe nach Hosea 6,6.
Die Weihnachtsbotschaft von unten steht bei Mk 1,2: „Ich sende meinen Boten vor dir her“- „er soll den Weg für dich bahnen“. Eine Stimme ruft in der Wüste: „Bereitet dem Herrn den Weg. Ebnet ihm die Straßen […]“ Dieser Ruf ist an uns gerichtet. Er will uns dabeihaben. (Er hat uns eingeplant bei der Entfaltung seiner Schöpfung als Mitschöpfer und seine Ebenbilder, wie Pierre Teilhard de Chardin Theologe und Naturwissen-schaftler 1881 -1955) meint, teilzunehmen und teilzuhaben am evolutiven Heilsweg auf Christus hin, den Vollender, gleichsam A und Ω. Für Teilhard fallen der Heilsweg Gottes zum Menschen und der Heilsweg des Menschen zu Gott in Christus zusammen. An Weihnachten nimmt dieser mit Christus gemeinsame Weg endgültig seinen Anfang.
Nein, Gott ist keine Welterklärungsformel oder philosophische These, sondern in Christus haben wir eine Weltgestaltungsmission, die Konsequenzen für unsere Lebenspraxis hat. Papst Franziskus (nomen est omen) wird nicht müde einzufordern, was Markus in seiner Weihnachtsbotschaft von unten so ausdrückt (Mk 1,15): „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, kehret um und glaubt an das Evangelium.“
Umkehr heißt für den Papst: weg von einer Wirtschaft, die tötet, die Menschen dem Kapital und der Wirtschaft opfert, Umwelt und Klima schädigt, ihm die gerechte Teilnahme und Teilhabe am Schöpfungs- und Heilsprozess verwehrt, und sie nur den Reichen und Begünstigten zugesteht. Politik und Wirtschaft, die Banken retten und Investoren schützen (TTIP, CETA und TISA) und nicht den Menschen, und so Ausbeutung, Krankheit, Unrecht, Not, Vertreibung usw. in Kauf nehmen, diese Wirtschaft tötet. Statt: „Globalisierung der Gleichgültigkeit (Lampedusa)“ fordert Franziskus die „Option für die Armen“.
Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus, bonae voluntatis. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen guten Willens, verkündet der Engel... bis er wiederkommt in Herrlichkeit.
Lassen wir unser Weihnachtsfest nicht zu einem nostalgischen, sentimentalen, kitschig-religiösen Event im Konsumrausch verkommen.
Sondern: „Kündet allen Menschen in der Not, fasset Mut und habt Vertrauen; bald wird kommen unser Gott; herrlich werden wir ihn schauen… wenn jede Schlucht aufgefüllt und jeder Berg und Hügel sich senkt… (Lk 3, 5-6). Es gibt viel zu tun.
Fangen wir bei uns selber gemeinsam an! „Und allen Menschen wird zuteil, Gottes Heil!“
Das ist mein Weihnachtswunsch für uns alle, für ein frohes Fest mit Gottes Segen.
 
Hans Eberhardt





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