Weihnachten 2013
Gedanken zum Weihnachtsfest 2013

Am Beginn der Adventszeit steht Maria, die herausragende Leitgestalt auf dem Weg zum Weihnachtsfest. Maria, als die „unbefleckt Empfangene“, eine Vorgabe, zum großen Geheimnis der Heilsgeschichte überhaupt Zugang zu finden.
1.    Alle Jahre wieder machen wir uns auf die Suche nach einer längst „verlorenen, staaden“ Zeit. Aber die religiöse vorweihnachtliche Belletristik, und die Industrie und die Christkindlmärkte unserer Städte machen Rekordumsätze und schüren einen neuen modernen Weihnachtsmythos. Dabei braucht unsere Non-Stopp-Gesellschaft nichts notwendiger als Entschleunigung, genauso wie auch unsere geknechtete Natur (siehe Umweltkatastrophen, Ausbeutung von Mensch und Natur…). Sie braucht Unterbrechung um wieder zu sich selber zu kommen, weg von dem „immer mehr“, „immer schneller“, weg von dieser „Sofort-Mentalität“ (Sonntagskultur). Je schneller der Mensch um die eigene Achse rotiert, desto eher verliert er die Balance, verliert er seine Mitte und gerät immer mehr an den Rand, wo die Fliehkräfte am größten sind, bis er seinen letzten Halt verliert und vielleicht damit sogar Gott. Der große Ordensvater Benedikt verstand etwas von Entschleunigung und gibt mit seiner Regel: „ Ora et labora et lege“ gleichsam eine Steilvorlage, auch in unserer Zeit das rechte Maß für ein sinnvolles und erfülltes Leben zu finden, heute, wo Sein und Sinn, Dasein und Lebenssinn immer mehr auseinander driften.
2.    Vielleicht brauchen wir da jemanden wie Maria, die Halt gibt. Das klingt allemal etwas fromm. Für mich strahlt aber gerade Maria eine Ruhe aus, die unglaublich ist. Sie soll Mutter werden, ein Kind empfangen und gebären: aber W A S für ein Kind? Maria bleibt der Fels in der Brandung trotz allen Trubels um sie herum im Himmel und auf dem Hirtenfeld.
Maria, so sagt das Dogma etwas geschraubt: „…ist vom ersten Augenblick ihrer eigenen Empfängnis durch die Gnade des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi, des Erlösers, von jeglicher Schuld unversehrt bewahrt.“
Für Lukas (1,28) ist Maria das „befähigte Geschöpf Gottes, die von ihm erwählte Mutter des Erlösers“. Von dieser Erwählung sprechen auch die „Väter“, von Irenäus bis Gregor von Nazianz und Augustinus. Im Mittelalter dann Anselm von Canterbury, Thomas v. Aquin und dann Duns Scotus, der von „vorausgreifender Erlösung“ spricht, welche dann Pius IX am 8. Dezember 1854 endgültig dogmatisiert hat. Das II. Vat. Konzil in Lumen gentium (LG 56) spricht von ihrer „einzigartigen Heiligkeit“, wobei der Bezug auf Jesus Christus, ihren Sohn besonders hervorgehoben wird, in der Inkarnation und Kenosis (Herabkunft) des Göttlichen im Menschen Jesus, dem Christus. Da bedeutet ihre biologisch, menschliche Mutterschaft eine existentielle, ganzheitliche und personale Bezogenheit auf den Sohn.
3.    Ikonographiegeschichtlich gesehen verselbständigt sich das Bild der Immaculata, d.h. die Darstellung Marias ohne das Kind, beeinflusst vor allem von der Apokalypse des Johannes. Maria, stehend auf der Mondsichel über dem schlangenumschlungenen  Erdball (Schlage verkörpert das Böse), gekrönt von dem Kranz mit zwölf Sternen (die übrigens auch die Europaflagge zieren), Maria als das endzeitliche „große Zeichen am Himmel“. Hier bereits zeichnet sich ein Zusammenhang ab, der erst heute wieder die Heilsgeschichte in ihrer kosmischen Dimension aufscheinen lässt und auch theologisches Denken neu in universalgeschichtliche Bahnen lenkt. Heilsgeschichte, die Geschichte Gottes mit dem Menschen, bricht in die kosmische Universalgeschichte ein und die Geschichte des Menschen geht in der Heilsgeschichte auf , von a bis ? wie Teilhard de Chardin sagt, wo alles Materielle, Weltgeschichtliche, und alles Geistige verschmelzen wenn die Zeit erfüllt ist im ewigen Kairos Gottes. Paulus schreibt im Galaterbrief: „…als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn“ und im Epheserbrief „…so hat er beschlossen, in Christus alles zu vereinen, was im Himmel und auf Erden ist“.
4.     Christus ist der „Logos“ das menschgewordene Wort, die Vernunft, wie Johannes im Prolog sagt. Das „Wort“ ist es, das gleichsam die Humanevolution immer mehr zu Gott führt, bis ER alles in allem ist. Und in diese Dynamik hat Gott seinem menschgewordenen Sohn in einen heilsgeschichtlichen Prozess mit einbezogen, lässt ihn teilhaben und teilnehmen. Die Welt ist ja in einem komplizierten Evolutionsprozess geworden, aber dass sie „im Tiefsten doch aus dem Logos kommt“ wie Kardinal Ratzinger in „Gott und Welt“ sagte. Freilich, die Frage nach dem Ursprung der Evolution oder des Lebens und des Bewusstseins kann nicht ohne Grenzüberschreitungen zwischen Naturwissenschaft und Glaube beantwortet werden. Der demütige Glaube an einen liebenden Schöpfer – Gott ist mir da lieber und ist menschlicher als der Glaube an einen blinden, anonymen Zufall. Und mehr hat die Wissenschaft ja auch nicht zu bieten. Ihre allgemeinen Geltungsansprüche (der Wissenschaft und ihrer Rationalität ist gemeint) sind eben auch nur geschichtlich, d.h. auf der Höhe ihrer jeweiligen zeitbedingten Erkenntnisbasis zu verstehen.
5.    Im Stall von Bethlehem beginnt etwas Neues. Das Göttliche wird offenbar in der menschgewordenen Liebe. Der „Logos“ erreicht seine höchste Stufe in dieser universalen Liebe und damit impliziert ist auch alle menschliche Vernunft und Rationalität und bekommt so eine moralische Dimension wie Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede sagte: „ Nicht vernunftmäßiges Handeln ist dem Wesen Gottes zuwider, der ja die Liebe ist“. Und Papst Franziskus spricht in „Evangelii gaudium„ (die Freude des Evangeliums) in unüberhörbarer Weise vom Vorrang der „Liebe in der Lehre“ (ihm geht es mehr um die Glaubenspraxis als um das Dogma wie seinem Vorgänger). Wenn wir aber zu wissen vorgeben, wo Gott ist oder wer er ist, finden wir nur einen „Gott nach unserem Maß“ sagt der Papst und landen höchstens in einer Ideologie und verfehlen den wahren Auftrag Christi. Dies thematisiert Franziskus auch in seiner fundamentalen Kapitalismuskritik und seiner „Option für die Armen“, was nicht ohne Einfluss auch auf die christliche Soziallehre bleiben wird.
Heute wird das Offenbarungsgeschehen nicht mehr so sehr, wie noch bei den Kirchenvätern in „Seinskategorien“ gedacht, sondern in Kategorien der lebendigen Geschichte, also des Verstehens, des Werdens und des Vollendens. Gott zeigt sich in seiner geschichtsgebundenen Offenbarung in der Zeit nämlich als lebendiger Gott.
6.    Knüpften die Evangelisten Lukas und Matthäus ihre heilsgeschichtlichen Aussagen narrativ wie Verkündigung, unbefleckte Empfängnis oder Geburt im Stall von Bethlehem an historische Ereignisse, so bleiben es doch Bilder, auch wenn diese historisch dogmatisiert wurden. Auch Dogmen haben eine Geschichte. Es sind Schritte oder Stationen im religiösen Bewusstsein auf dem Wege zu einem tieferen Glaubensverständnis der Heilsgeheimnisse, sind Eckpunkte der Heilsgeschichte, also des Weges Gottes mit uns Menschen. Diesen Weg mitzugehen ist unsere Aufgabe in der Welt, vor aller Welt und für alle Welt.
7.     Ja, „Kenosis“ (Menschwerdung des Göttlichen) ist Einbruch des Ewigen ins Zeitliche oder Aufbruch des Zeitlichen (Jesus Christus) ins Ewige, ist „ Kairos“ (die endgültig erfüllte Geschichte) ist Aufnahme des Biologischen über das Noologische ins Kosmische von Alpha zum Omega, wie auch immer unsere kümmerlichen Denkversuche sich artikulieren mögen.
(Wie schon Jesaja voraussagt: Ochs und Esel kennen ihren Herrn, aber Israel hat keine Erkenntnis). Deshalb steht jeder Augenblick der Geschichte, auch unserer Geschichte in Beziehung zum Ewigen, und es gibt kairotische, heilsgeschichtliche Berührungspunkte, wie sie in weihnachtlichen Bildern der Evangelien geschildert werden. Diese Berührungspunkte mit dem Ewigen (z. B. Stall, drei Könige, Stern…) mögen beim Nichtgläubigen Kopfschütteln verursachen, beim Gläubigen aber Staunen und beim Theologen Kopfschmerzen, auf jeden Fall aber zum Nachdenken anregen und zum Umdenken führen, denn „das Reich Gottes ist nahe gekommen, die Zeit ist erfüllt. Kehret um und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1/15).
Auch im Namen der Schwestern in Säben und Pater Andreas möchten wir Euch ganz herzlich danken  für alle Zeichen der Verbundenheit, der Mitarbeit und Euren Einsatz für den Verein.
Zum bevorstehenden Weihnachtsfest und  für das kommende Jahr wünschen wir Euch allen
GOTTES REICHEN SEGEN !
Für die Freunde Kloster Säben e.V.
Hans Eberhardt





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